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Unter den Smartphone-Anbietern läuft ein dramatischer Wettbewerb: Immer kürzer werden die Intervalle zwischen den Neuheiten, die auf den Markt geworfen werden. Auch wenn sich technisch die Features nicht großartig verändern, muss jeder jährlich ein neues Gerät präsentieren. Wie die Absatzzahlen zeigen, greifen Verbraucher gerne zu. 1,8 Milliarden Handys sind weltweit 2019 über die Ladentische gewandert – eine Zahl, die in den Folgejahren nicht sinken wird, sondern sich vermutlich noch erhöht. Dabei werden für jedes Handy wertvolle Edelmetalle und Seltene Erden benötigt, die mit giftigen Chemikalien unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen gefördert und in Fabriken weiterverarbeitet werden. Die Jagd nach den Rohstoffen geht auch an der Natur nicht spurlos vorbei. Hier erfährst Du, warum Umdenken im Bereich Mobiltelefonie dringend angebracht ist.

Konfliktmetalle – der Kampf um die Rohstoffe

Eine Luftaufnahme von Chuquicamata, das für lange Zeit das größte Tagebau-Bergwerk der Welt
Diese Luftaufnahme von Chuquicamata – dem für lange Zeit größten Tagebau-Bergwerk der Welt – , ist ein erstaunliches Beispiel für den rücksichtslosen Raubbau an unserer Erde. © abriendomundo / shutterstock.com

21 Tonnen Silber, zwei Tonnen Gold, 765 Tonnen Kupfer und jede Menge andere wertvolle Materialien – was sich wie die Auflistung einer Schatzkammer anhört, ist die vom Bundesumweltministerium ermittelte Rohstoffmenge von Deutschlands ungenutzten Handys. Ein weiteres Anwachsen dieses Berges ist zu befürchten, schließlich überbieten sich die Hersteller mit ständig neuen Smartphone-Modellen. Das bedeutet den Abbau von noch mehr Erzen und Seltenen Erden, um den stets fordernden Markt zu bedienen.

Die verwendeten Rohstoffe wie Gold, Silber, Palladium, Kobalt, Kupfer und Tantal sind nicht nur wertvoll, sondern problematisch ist vor allem, dass bei der Gewinnung der Rohstoffe weder die Bedürfnisse der Umwelt noch der Arbeiter berücksichtigt werden. Das wird deutlich an dem Erz Coltan, das der Gewinnung des Metalls Tantal dient. Tantal wird zur Herstellung von Kondensatoren verwendet, die elektrische Ladungen speichern. Nennenswerte Vorkommen verzeichnen Australien, Kanada und die USA, aber die Hälfte des weltweit geförderten Metalls befindet sich in Zentralafrika. Dort ist der Abbau für vergleichsweise wenig Geld zu haben. Im Kongo kostet es 20 Dollar, eine Tonne Coltan zu fördern, in den anderen Staaten sind es 100 Dollar.

Coltan, beziehungsweise Tantal, sind so begehrt, dass der Rohstoff mit zu den Ursachen des Kongo Konfliktes zählte. Der ist seit 2008 zwar offiziell vorbei, jedoch läuft der Bürgerkrieg in den Minengebieten weiter. Geld, das aus dem Abbau fließt, wird verwendet, um Waffen einzukaufen. Damit werden Kämpfe angeheizt, die bereit fünf Millionen Tote forderten. Der Kampf um Coltan wurde von den Vereinten Nationen thematisiert, was aber die Grundproblematik nicht entschärft hat. Einige Unternehmen beziehen ihre Erze nun aus anderen Förderländern. Aber längst nicht alle Firmen distanzieren sich von kongolesischem Coltan oder fragen überhaupt nach der Herkunft der Metalle. Ohnehin werden die Vorkommen knapp, sodass aktuell nach Alternativen gesucht wird. Infrage kommt das Metall Niob. Auch wenn damit politischen Konflikten aus dem Wege gegangen wird, verursacht der Abbau trotzdem Probleme für Mensch und Umwelt.

Der Abbau der Handymetalle hat fatale Folgen für die Natur

Zinnabbau auf Bangka, einer der beiden „Zinninseln“ in Indonesion. Hier weichen Regenwälder und Felder zerklüfteten Kraterlandschaften. © Zulfikri Sasma / shutterstock.com

Der Boom um Coltan im Kongo hat auch die Natur in der Region stark geschädigt. Viele der Minen liegen im Kahuzi-Biega-Nationalpark. Für den Ausbau der Abbaustätten wurden Waldgebiete großflächig abgeholzt und damit einer der letzten Lebensräume von Gorillas auf der Erde Schritt für Schritt zerstört. Auch in anderen Gegenden auf dem Planeten werden Lebensräume zerstört, um an die Handy-Metalle zu kommen. Für die Erschließung neuer Minen werden rücksichtslos Berge gesprengt und Urwälder gerodet. Damit die Edelmetalle aus dem Gestein gelöst werden, kommen giftige Stoffe zum Einsatz, die ungeklärt in Gewässer geleitet werden. Ein besonders tragisches Beispiel sind die indonesischen Inseln Balitung und Bangka. Der extensive Abbau von Zinn hat dazu geführt, dass Wälder und Gewässer nachhaltig verseucht wurden, was zu existenziellen Bedrohung der lokalen Tier- und Pflanzenwelt geführt hat.

Je nach Metall setzt der Abbau jede Menge Treibhausgase frei und die für Handys verwendeten Metalle sind dabei Spitzenreiter, vorneweg Gold. Einkalkulieren musst Du außerdem die Energie, die eingesetzt wird, um die Minen zu betreiben und die Erze zu den Produktionsstätten zu bringen. Laut Zahlen, die Greenpeace ermittelt hat, verschlingt die weltweite Smartphone-Produktion 968 Terawattstunden Strom. Eine gigantische Zahl, mit der sich ganz Indien ein Jahr lang komplett mit Energie versorgen lässt. Ein einzelnes Smartphone verursacht in seinem ohnehin schon recht kurzen Lebenszyklus rund 48 kg CO2. Gehst Du davon aus, dass in Deutschland pro Jahr 30 Millionen neue Handys – Tendenz steigend – verkauft werden, verursachen alleine die Mobiltelefone hierzulande 1,44 Millionen Tonnen CO2.

Alles andere als fair – die Arbeitsbedingungen in der Handyproduktion

Bergleute sieben Land auf der Suche nach Zinn in Bangka Belitung, Indonesien
Pro Smartphone wird rund 1 Gramm Zinn in Form von Lötzinn verbaut. Der Abbau des Halbedelmetalls – an Land und auf dem Meeresboden – ist gefährlich, gesundheitsschädlich und umweltzerstörend. © Rumbo a lo desconocido / shutterstock.com

Der Name Konfliktmetalle zielt nicht nur auf politische Missstände ab, die durch die Handymetalle verursacht werden. In fast jedem Smartphone ist in der Lithium-Ionen-Batterie Kobalt integriert. Bevorzugtes Fördergebiet ist wie bei Coltan der Kongo. Die Minenarbeiter steigen ohne Helm und Schutzkleidung barfuß in schmale Schächte hinein. Da Werkzeug fehlt, graben viele mit bloßen Händen nach den Erzen. Viele Arbeiter bleiben über Nacht in den Minen, denn der Arbeitsweg ist zu beschwerlich. Der beim Abbau entstehende Mineralstaub belastet die Lungen und führt zu chronischen Erkrankungen. Die mangelnde Arbeitssicherheit verursacht immer wieder tragische Unfälle. Für zwei bis drei US-Dollar am Tag riskieren alleine im Kongo 100.000 Menschen in den Minen ihr Leben. Laut Schätzungen von UNICEF klettern täglich rund 40.000 Kinder in die Schächte, um für die großen Smartphone-Hersteller Kobalt, Coltan und andere Erze zu fördern.

Die Problematik der menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen setzt sich in den Zulieferfabriken nahtlos fort. Die meisten davon befinden sich in Asien. Hergestellt werden dort Bauteile für die großen Handymarken. Die EU hat mit makelTfair ein dreijähriges Projekt gefördert, dass die Zustände in den Fabriken der Handy-Zulieferer untersucht. Mit erschreckendem Ergebnis. Denn verletzt werden nicht nur nationale Gesetze, sondern auch die Vorgaben internationaler Organisationen im Bereich Arbeitsschutz und Arbeitsrecht sowie die eigenen Richtlinien der Handy-Giganten.

Pro Sekunde werden auf der Welt 36 Mobiltelefone produziert, 50 % davon in China. In den Fabriken arbeiten meist Frauen im Alter zwischen 16 und 30 Jahren. Schutzkleidung ist nicht vorhanden oder wird nicht genutzt. Das vorgegebene Arbeitstempo ist derart hoch, dass mit der Kleidung das Produktionsziel nicht erreicht werden kann. Die Arbeiterinnen und Arbeiter hantieren mit gefährlichen Chemikalien und sind nicht über Gefahren und Schutzmaßnahmen aufgeklärt. Überstunden sind an der Tagesordnung, was aufgrund der Dauerbelastung zu Fehlern führt, die gnadenlos bestraft werden. Der ohnehin schon geringe Lohn, der kaum in der Lage ist, die Kosten für ein bescheidenes Leben zu decken, wird als Sanktion gekürzt.

Die Inhaber der Fabriken bestreiten die niedrigen Löhne nicht, schieben die Verantwortung jedoch an die Handyfirmen ab. Denn die sind nur daran interessiert, die Produktionskosten zu senken, da der Wettbewerb auf dem Markt immer härter wird. Dass hier ein handfester Konflikt mit der eigenen Unternehmensphilosophie entsteht, wird dabei großzügig gerne übersehen. Eigentlich fällt es in die Verantwortlichkeit der Elektronikkonzerne, den Fabrikbesitzern in Asien Anreize zu geben, um für soziale und umweltfreundliche Arbeitsbedingungen zu sorgen. Offensichtlich ist der Druck, fair und ökologisch zu agieren, nicht hoch genug. Die Arbeiter selbst haben keine Möglichkeit, etwas an ihren desolaten Bedingungen zu ändern. In den meisten Ländern existieren keine Gewerkschaften oder sie sind verboten.

Das traurige Lied der Handy-Entsorgung

Ein Arbeiter auf der Müllkippe von Agbogbloshie in Ghana. © Aline Tong / shutterstock.com

Die schädlichsten Einflüsse auf die Umwelt kommen während der Produktionsphase von Handys zusammen, besonders bei der Herstellung von Halbleitern und den bedruckten Leiterplatten. Die meisten Nutzer tauschen ihre Handys nach ein oder zwei Jahren aus. Laut einer Erhebung von Bitkom nutzen nur 12 % der Deutschen ein Handy, das alter als zwei Jahre ist. Die Fraunhofer-Gesellschaft hat ausgerechnet, dass der Einfluss der Handyherstellung auf die globale Erderwärmung um 30 % gesenkt werden könnte, wenn Mobiltelefone mindestens fünf Jahre lang genutzt werden. Die Lebensdauer Deines Handys kannst Du mit unseren Tipps entscheidend verlängern!

Trotzdem: Kein Smartphone hat eine unbegrenzte Lebensdauer und dann setzt die nächste Problematik ein. In der gesamten EU sowie Norwegen und der Schweiz müssten Rechnungen zufolge im Jahr 9,45 Millionen Tonnen Elektroschrott anfallen. Die Sammelstellen, die alte elektronische Kleingeräte dem fachgerechten Recycling zuführen, verzeichnen jedoch nur 3,3 Millionen Tonnen. Wo ist der ganze Rest? Recycling von Handys und anderen Kleingeräten ist ein aufwändiger und teurer Prozess. Zunächst muss das Mobiltelefon zerlegt werden und die Einzelteile nach Materialien getrennt werden. Die Demontage bei Handys ist schwierig – oft fällt die Entscheidung auf Verschrottung und nicht auf Recycling. Damit die Wiedergewinnung der Metalle und Seltenen Erden leichter wird, arbeiten Chemiker unter Hochdruck an neuen, effizienten Verfahren.

Obwohl die Entsorgung von Elektronikschrott in Deutschland gesetzlich geregelt ist, wird jede Menge unternommen, dem kostenintensiven Recyclingprozess zu entkommen. Geschätzt zwei Drittel Elektroschrott aus der EU verschwinden zur „Weiterverwertung“ über dubiose Kanäle in die Länder der Dritten Welt. Meist nach Afrika, Indien oder China. Unter Arbeitsbedingungen, die denen der Herstellung von Mobiltelefonen ähneln, werden noch brauchbare Geräte auseinander gebaut und aufbereitet. Alles andere landet auf Müllkippen. Austretende Stoffe verseuchen nicht nur langfristig Boden und Grundwasser, sondern giftige Dämpfe zerstören ebenfalls die Gesundheit der zahlreichen Müllsammler. Laut Schätzungen der UN sollen auf afrikanischen Müllkippen mindestens 20.000 Kinder beschäftigt und tagtäglich mit den giftigen Dämpfen aus Elektroschrott konfrontiert sein.

Was Du tun kannst: Die Recyclingraten von Handys bewegen sich konstant seit Jahren bei maximal 10 %. Viele Recyclingfirmen verkaufen den Elektroschrott an Zwischenhändler, die dann nach Afrika oder Indien exportieren. Wenn Du ein Mobiltelefon entsorgen möchtest, informiere Dich daher gut, was mit dem Handy danach passiert. Anlaufstelle ist Dein lokaler Wertstoffhof, aber auch Dein Netzbetreiber – viele koopieren bei der Entsorgung mit Umweltschutzorganisationen.

Kann ein Handy überhaupt fair sein?

Was ist notwendig, um ein nachhaltiges und sozial verträgliches Handy herzustellen? Diese Frage hat Hersteller wie Fairphone und Shiftphone beschäftigt. Die für die Mobilfunktechnologie notwendigen Ressourcen lassen sich nicht ersetzen, aber ein Unternehmen kann verhindern, dass Erze und Seltene Erden aus konfliktbehafteten Minen kommen. Stattdessen werden Unternehmen ausgewählt, in denen gute Arbeitsbedingungen und Arbeitsschutz, faire Löhne, der Wegfall von Kinderarbeit sowie Umweltschutz nicht nur Schlagworte, sondern gelebte Praxis sind. Die Anbieter fairer Smartphones legen ebenfalls Wert darauf, mit den weiterverarbeitenden Betrieben gute, langfristige und vor allem von Respekt und Transparenz getragene Beziehungen aufzubauen. Wie das im Einzelfall funktioniert, erfährst Du hier. Mit dem Handy fair telefonieren hört jedoch nicht mit der Anschaffung eines grünen Smartphones auf. Die Verantwortung für einen gerechteren Rohstoffmarkt hast auch Du mit Deinem Konsumverhalten. Denn den Produktzyklus Deines Handys kannst Du beeinflussen, indem Du Dein Gerät so lange wie möglich im Einsatz hast!

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